Interview

„Wir sind keine Egospieler“

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In der Büroetage von Phase 5 steht man auf den Schultern von Riesen: Vor 100 Jahren arbeiteten hier Lageristen und fuhren mit schwerem Gerät über die Böden, das verraten die Schleifspuren auf dem Parkett. Die Türen im verglasten Besprechungsraum sind nur unwesentlich jünger. Wenn man sie schließt, hört man trotzdem noch jedes Wort aus dem Großraumbüro. Volker Busse, Dirk Landrock und Martin Welp wirken aber auch nicht so, als hätten sie ihren Mitarbeitern gegenüber etwas zu verschweigen. Statt dessen erzählen sie vom Mitarbeiterkick, von architektonischer Abenteuerlust und der Zeit, als ihr Unternehmen noch als Kommune funktionierte.

Ich habe gehört, dass Sie Ihre Agentur-Mannschaft gerade mit neuen Trikots ausgestattet haben. Wie darf ich mir das denn vorstellen, wenn elf Architekten auf dem Platz stehen – Rasenschach oder Blutgrätsche? vb: Unser Spiel ist sehr technikorientiert. Wir spielen ja schon seit einigen Jahren jeden Montag zusammen und haben einen eigenen Trainer, der uns Disziplin beigebracht hat. Am Anfang war da durchaus noch die ein oder andere Blutgrätsche dabei, aber das können wir uns ja nicht erlauben, denn wir brauchen alle Spieler am nächsten Tag wieder im Büro. Die Dreierkette erlebt im Fußball ja eine Renaissance: flexibel und offensiv, allerdings auch konteranfällig und technisch voraussetzungsvoll. Sie leiten zu dritt ein wachsendes Unternehmen – was sind die Vorteile einer Troika? vb: In jedem Fall ist es viel angenehmer, als es alleine wäre. Wir können uns absprechen und ergänzen uns in unserer Sichtweise. Dazu kommt auch noch, dass zwischen uns knapp 15 Jahre Altersunterschied liegen. Das ist dann schon ein großes Spektrum an Sichtweisen. DL: Um beim Bild des Fußballs zu bleiben: Volker ist sozusagen die kreative Mittelfeldzentrale. Er bringt das Kreative rein und entwickelt neue Businessideen. Martin betreut vor allem speziellere Projekte wie etwa Produktionsanlagen und ist daher viel auf Baustellen unterwegs. Ich bin vor allem in den Logistikprojekten tätig und teile mir darüber hinaus mit Volker die Büroleitung. Und wie sieht es mit der Strategie aus? Sind Sie eher offensiv oder defensiv aufgestellt? vb: Eins ist mal klar: Wir haben keine Abwehr, sondern nur Sturm … auf allen Gassen nach vorne (lacht). Aber trotz allem sind wir keine Egospieler: In der Architektur, so wie wir sie verstehen, arbeitet man doch letztlich sehr nah an den Aufgabenstellungen. Wenn wir beispielsweise eine Produktionshalle für Lebensmittel entwickeln, dann spielen nicht wir die erste Geige, sondern der Verfahrenstechniker, der die funktionalen Abläufe entwickelt. Wobei ich Dirk auch widersprechen muss: Mir wird immer wieder gesagt, dass unsere Logistikhallen eine unverkennbare Handschrift tragen. Ich glaube, dass da durchaus eine kreative Leistung drinsteckt. DL: Die kreativen Spielräume variieren sicherlich von Projekt zu Projekt, aber wir versuchen immer, uns die Aufgabe zu eigen zu machen und dann nach der besten Lösung zu suchen. Eine richtig große Logistikhalle zu planen, kann im Übrigen unglaublichen Spaß machen! vb: Sehe ich auch so. Unsere längste ist 1040 Meter, das ist schon eine Nummer! Blicken wir doch mal in die Geschichte Ihres Unternehmens. Angefangen hat Ihre Arbeit ja nicht mit der Logistik, sondern mit etwas, das Sie mal als „architektonischen Gemischtwarenladen“ bezeichnet haben. Das klingt ein wenig despektierlich … vb: Nein, eigentlich gar nicht, das entsprach damals einfach unserer Philosophie. Wir haben mit Busse Geitner zur Wendezeit viele Häuser für die Hypovereinsbank realisiert, das waren sehr schöne Projekte, über die wir uns einen guten Kundenstamm aufgebaut haben und die uns unter anderem den deutschen Architekturpreis einbrachten. Ende der 90er Jahre kamen dann die Logistikprojekte dazu und plötzlich gab es im Büro zwei Lager, die sich immer weiter auseinanderentwickelten. Ein weiteres Problem war, dass es uns nicht gelang, Rücklagen zu bilden, und so waren wir als Büro schließlich von wenigen Großkunden abhängig. Ende 2002 sind wir mit Busse  Geitner in Konkurs gegangen und entschieden uns im Folgenden, aus den beiden Sparten zwei unterschiedliche Unternehmen zu machen. DL: Ich denke, das war für die damalige Situation auch die richtige Entscheidung. Letztendlich war das eine gewachsene Struktur, die sich sehr schwer kommunizieren ließ. Wenn unsere Kunden fragten, was unsere Arbeit eigentlich ausmacht, konnten wir das jedenfalls nicht in einem Satz erklären. Zudem arbeiteten wir damals buchstäblich Tag und Nacht mit einem sehr kleinen Team an sehr großen Projekten. Martin hat immer scherzhaft von der „Kommune“ gesprochen. Aber dauerhaft geht das natürlich nicht, da brennt man nur aus.

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„Für mich strahlen die Schwanenhöfe  eine Zeitlosigkeit aus, die ich eigentlich in allen unseren Arbeiten versuche, zu erreichen.“

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Das heißt, Sie haben sich zugunsten der eigenen Gesundheit dafür entschieden, den Spagat etwas kleiner zu machen? VB: Das Wichtigste war eigentlich, dass wir neue Strukturen geschaffen haben, die uns dauerhaft entlasten sollten. Als wir Phase 5 gegründet haben, konnten wir alle zehn Mitarbeiter übernehmen. Dennoch war klar, dass wir nicht mehr als Kommune funktionieren können, in der jeder die gleiche Rolle innehat. Also haben wir eine Unternehmensführung gegründet, die Entscheidungen trifft und vorausdenkt. Heute denken wir sehr bewusst über unsere Unternehmenskultur nach und versuchen Strukturen zu entwickeln, über die wir als gesamtes Team eine gute Haltung aufbauen können. Auf diese soziale Ebene wollte ich auch noch zu sprechen kommen. Dass ein Unternehmen nur soviel wert ist wie seine Kommunikation, ist ja fast schon zu einem neuen ökonomischen Paradigma geworden. Kann man das auch für ein Architekturbüro sagen? VB: Der Beruf des Architekten hat sich in den letzten Jahren tatsächlich sehr stark in diese Richtung geändert. Als ich angefangen habe, war es noch so, dass das Büro monatelang an einem Auftrag arbeitete, bevor der Kunde etwas zu sehen bekam. Heute gibt es eigentlich beiderseits das Bedürfnis, viel früher zusammenzuarbeiten und Entscheidungen transparent zu machen. Das erfordert sehr professionelle Kommunikationsstrukturen auf beiden Seiten. MW: Ich finde das im Übrigen sehr angenehm. Wenn wir eine Logistikhalle planen, setzen wir uns mit dem Logistiker zusammen vor den Grundriss und überlegen: Wie viele Paletten bekommen wir hier nebeneinander, passt das von der Statik oder muss da eine Stütze dazwischen? Das ist ein angenehmes Miteinander und es führt zu sehr guten Lösungen. VB: Das ist ja eigentlich auch genau das, was wir mit dem Namen Phase 5 meinen. Erklären Sie doch mal, wie es zu dieser Namensgebung kam! VB: Der Begriff leitet sich aus einer Studie ab, die der Frage nachging, wie ein Unternehmen im 21. Jahrhundert aussehen sollte. Auf ein Architekturbüro bezogen, bedeutet die erste Phase, dass man sich eigentlich nur um sich selbst und seine Entwürfe dreht. Also gewissermaßen der Stararchitekt, der aber eigentlich reine Kunst macht, die an der Realität vorbeigeht. Wir hatten damals zwei Unternehmensberater, die uns erklärten, dass wir nur dann zukunftsfähig sind, wenn wir in die fünfte Phase eintreten: Wir sollten ein gut vernetztes Unternehmen an einem urbanen Standort werden, über gute Kommunikationsstrukturen und eine Projektsteuerung verfügen und außerdem eng am Auftraggeber arbeiten. Das hat uns so sehr entsprochen, dass wir das Programm gleich zu unserem Namen gemacht haben. MW: Für die Kunden hat das tatsächlich auch von Anfang an sehr gut funktioniert. Nicht nur in Bezug auf die Abläufe und die Ergebnisse, sondern auch, weil sich so ein nachhaltiges Vertrauensverhältnis aufbauen konnte. DL: Eigentlich ist es bis heute so geblieben, dass wir am liebsten mit Kunden zusammenarbeiten, die das gleiche Ziel haben wie wir: gemeinsam ein gutes Projekt zu realisieren. In der Baubranche hat man es leider nicht selten mit Akteuren zu tun, denen es nur darum geht, die juristischen Zuständigkeiten zu klären. Ein Haus sagt immer auch etwas über die Menschen aus, die darin wohnen. Für Ihr aktuelles Büro haben Sie nicht nur das Gebäude entworfen, sondern gleich das ganze Viertel. Welche Rolle spielen die Schwanenhöfe für das Selbstverständnis von Phase 5? MW: Was ich sehr an diesem Areal mag, ist die Tatsache, dass sich kein Haus in den Vordergrund drängt. Die stehen alle gleichberechtigt nebeneinander. Und so ist es auch mit den Menschen – ich bin der Meinung, dass es auf diesem Gelände keine Eitelkeiten gibt. VB: Aber auch in architektonischer Hinsicht sagen die Schwanenhöfe viel über uns aus. Die Erstbebauung dieses Geländes war im Jahr 1895 und für mich strahlt das ganze Areal eine Zeitlosigkeit aus, die ich eigentlich in allen unseren Arbeiten , zu erreichen versuche. Das ist das Gegenteil von einem kurzlebigen Trend oder einer zeitgeistigen Effekthascherei. Die Schwanenhöfe sind allerdings auch ein Projekt, das in seinen planerischen Unwägbarkeiten jedes Excelsheet sprengt. Zeigt sich da Ihre architektonische Abenteuerlust? VB: Zumindest hat das mit Planen nicht viel zu tun. Da reagiert man auf das, was man jeden Tag vorfindet (lacht). DL: Wobei man ja schon sagen muss, dass das Risiko durch unseren Bauentwickler sehr gut kalkuliert worden ist und dass es außerdem eine Vision für das Projekt gab, der wir folgen konnten. Die Naturwiesen, die Sichtachsen, Konzepte wie das grüne Haus – das alles waren Grundideen, mit denen wir als Architekten gut arbeiten konnten. VB: Und wir konnten aus dem, was wir vorfanden, Ableitungen ziehen. Es war uns sehr wichtig, dass wir so wenig wie möglich in die alten Strukturen eingreifen – wir wollten die Geschichte des Geländes ja lesbar machen, statt sie zu überschreiben. Wenn man es aus dieser Perspektive betrachtet, unterscheidet sich diese Arbeit nur unwesentlich von einer Aufgabenstellung, die wir  beispielsweise bei einer Fertigungsstraße vorfinden. Wir stellen uns hier wie dort in den Dienst eines Projektes.

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Vorhin ist es schon mal angeklungen, dass Phase 5 eigentlich ein Mehrgenerationenbetrieb ist. Dirk, ich frage Sie mal als jüngstes Mitglied: Wie sind Sie zum Unternehmen gekommen? DL: Volker war ja mit dem Büro Busse  Geitner schon sehr erfolgreich und ich war damals als Praktikant beschäftigt. Kurz vor meinem Diplom kam Volker dann in mein Büro, hat mir einen Vertrag auf den Tisch gelegt und gesagt: Unterschreib den, du bleibst hier. VB: Vielleicht sollte man hier auch noch mal erwähnen, dass wir mit den Bauentwicklern Thomas Walten und Klaus-Dieter Hölz ja auch noch zwei ältere Generationen im Hause vertreten haben … Mit welcher Frage gehen Sie denn zu Herrn Hölz als erfahrenem Seniorunternehmer? VB: Nehmen wir als Beispiel mal die Wohnungsentwicklung: Da sehe ich ein schönes altes Haus und spiele mit dem Gedanken, es zu kaufen und aufzubereiten. Klaus wirft einen einzigen Blick darauf und sagt: Vergiss es, das ist zu riskant. Dann mache ich das Buch zu und höre auf zu rechnen, weil ich weiß, dass er mit 45 Jahren Berufserfahrung recht hat. Derzeit umfasst Ihr Portfolio drei Bereiche: Logistik, Revitalisierung und Wohnungsbau – also gewissermaßen ein abgespeckter Gemischtwarenladen. Was machen Sie denn nun anders als vor zehn Jahren? VB: Eigentlich habe ich nicht das Gefühl, dass wir uns mit unserem Portfolio auf eine bestimmte Richtung festlegen, dafür sind die Projekte doch zu unterschiedlich. Was man allerdings schon rauslesen kann, ist dass wir eine Schwäche für komplexe Problemstellungen haben: Flugzeughangar, vollautomatische Fertigungshallen etc. Wenn also morgen jemand kommt, der zehn Krankenhäuser oder eine Müllverbrennungsanlage braucht, dann sagen wir nicht nein. DL: Ja, das sehe ich auch so: Anhand der Spezialaufgaben lernt man sehr viel über das Handling von Prozessen. Und das ist letztendlich auf alles andere übertragbar. Dann greife ich abschließend noch mal die Frage Ihrer ersten Kunden auf: Was ist denn eigentlich die Phase 5? VB: Die Phase 5 ist nichts Statisches. Eher eine Herangehensweise die sich mit jeder Aufgabenstellung anders gestaltet.

_MG_5572_DXO_6x6Volker Busse wurde 1961 in Lengerich geboren. Nach dem Architekturstudium in Münster arbeitete er von 1986-1988 bei Haus-Rucker-Co in Düsseldorf. In den Jahren 1988-1991 war er  bei Prof. Ungers in Köln tätig und studierte parallel an der Kunstakademie Düsseldorf. 1990 wurde er Meisterschüler von Prof. Ungers. Von 1991-2013 war er Geschäftsführer von Busse & Geitner Architekten, 2003 wurde er Gesellschafter und Geschäftsführer der Phase 5 GmbH, Düsseldorf. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Düsseldorf.

_MG_5532_crop_DXODirk Landrock wurde 1974 in Duisburg geboren. Noch während  seines Architekturstudiums in Düsseldorf arbeitete er bei  Busse & Geitner Architekten. Im Jahr 2003 wird er Gesellschafter der Phase 5 GmbH, 2008 Geschäftsführer. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Düsseldorf.

_MG_5667_DXOMartin Welp  wurde 1965 in Lengerich geboren. Nach dem Architekturstudium an der TU Karlsruhe arbeitete er in Magdeburg. 1997 kommt er zu Busse & Geitner Architekten nach Düsseldorf. web design history Im Jahr 2003 wird er Gesellschafter der Phase 5 GmbH und 2008 Geschäftsführer. Er lebt und arbeitet in Düsseldorf.