Interview

„Das ist archäologische
Architektur!“

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Die unverputzten Wände erzählen die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts. Durch das Panoramafenster des großzügigen Lofts blickt man auf das Gelände der Schwanenhöfe und kann sich kaum vorstellen, dass hier vor drei Jahren noch eine Industriebrache war. Doch bevor der Gestalter und Grundstücksentwickler Thomas Walten erklären kann, wie man eine Ruine in einen lebendigen Mikrokosmos verwandelt, gibt es erst mal ein Getränk: Im Kühlschrank befinden sich allerdings nur Champagner, Wasser und Red Bull.

Schön hier, Herr Walten. Aber dem Kühlschrank nach zu urteilen, sind Sie nur bei besonderen Anlässen hier … TW: Manchmal ziehe ich mich während der Arbeit hierher zurück, um in Ruhe etwas zu schreiben. Und natürlich wenn es etwas zu besprechen gibt, so wie jetzt. Sie haben gemeinsam mit Phase 5 in den letzten zehn Jahren drei historische Industriegelände revitalisiert. Was fasziniert Sie an dieser Arbeit? TW: Revitalisierungen sind für mich die spannendste Art zu bauen, weil sie die meisten Überraschungen bieten. Man muss mit der Substanz arbeiten, die man vorfindet – das ist etwas anderes, als mit einer grünen Fläche zu beginnen, auf die man eine Computeranimation rechnet. Hier arbeitet man mit einer vorgegebenen Struktur, deren Zustand man erst dann richtig einschätzen kann, wenn man beginnt, die Wände freizulegen. Dazu brauche ich ein Team, das quasi aus der Hüfte schießen kann. phase 5 ist da ein großer Glücksfall, so etwas findet man in Deutschland nicht oft. Während der Bauzeit haben wir hier zusammen einen Baucontainer bezogen, um direkt an der Baustelle zu sein. Anders kann man so ein Projekt nicht machen. Wie sehen Sie denn diese ständige Notwendigkeit zur Improvisation, Herr Busse? Als Architekt möchte man die Dinge doch lieber planen, oder? VB: Das Unplanbare bereitet eigentlich vor allem den Investoren Bauchschmerzen. Ich improvisiere gerne, allerdings nur, wenn die nötigen Voraussetzungen da sind: Das ganze Team muss vor Ort sein und man muss miteinander auf Augenhöhe kommunizieren. Wir nageln uns hier nicht gegenseitig fest, sondern suchen gemeinsam nach der besten Lösung. TW: Das sehe ich genauso. Wenn wir kein Vertrauen ineinander hätten, dann säße bei jedem der unzähligen Gespräche noch ein Anwalt daneben. Wie hat sich Ihre Beziehung zueinander denn im Laufe der Projekte entwickelt? TW: Das Verhältnis wird kontinuierlich schlechter und die Qualität der Arbeit besser (lacht). VB: Nein, im Ernst: Die Beziehung wächst mit den Projekten. Die Schwanenhöfe sind ja nicht das erste Projekt, das wir gemeinsam realisieren, sondern eher so etwas wie unser Meisterstück. Kennengelernt haben wir uns vor zehn Jahren beim „Vulkan“ in Köln, das war ein viel kleineres Projekt und außerdem viel übersichtlicher. Letztendlich gibt es damals wie heute Situationen, in denen ich als Architekt anderer Meinung bin als Tom. Aber entscheidend ist, dass die Konsenslösung, die wir finden, gut ist. Das ist der Unterschied zu den offiziellen Entscheidungswegen, in denen die Verantwortung juristisch genau abgewogen wird und letztlich niemand wagt, einen großen Schritt zu machen. TW: Ich bin ja von Haus aus Designer und versuche immer, eine ästhetisch ansprechende Lösung durchzusetzen. Volker sitzt dann vor seinen Bauvorschriften und muss schauen, ob das Schöne überhaupt realisierbar ist. Ich habe die Ästhetik und er hat das Problem! Gleichzeitig bin ich sehr dankbar für diese Gegenperspektive. Ein Spinner wie ich braucht manchmal ein Gegenüber, das mitrechnet und dann sagt: „ Wenn du das baurechtlich durchkriegen willst brauchst du den 40-fachen Luftwechsel und musst den halben Raum mit Rohren vollstopfen. Da passen nur noch Mieter rein, die genau 1,50 Meter groß sind. VB: Immerhin haben wir innen dann Fensterbänke verwendet, die aus Schwarzstahl abgekantet waren. Das war schon eine Entscheidung zugunsten der Ästhetik.

Als Designer haben Sie ja zuerst einen visuellen Zugang zu einem Gebäude. Sie haben mir zum Beispiel vor einiger Zeit erzählt, dass Sie für die Schwanenhöfe das Bild einer „Insel im Grünen“ vor Augen hatten. Wie kommt es zu diesen Bildern – und wie lässt sich so etwas dann realisieren? TW: Wir hatten in diesem Fall eigentlich schon sehr früh eine Idee, wer dieses Gelände mal bevölkern würde. Und diese Idee habe ich dann in die Geschichte von der „Insel im Grünen“ übersetzt – eine solche Story hilft dabei, dass beim Bauen alle in die gleiche Richtung marschieren, sie hilft, wenn man den späteren Mietern ein Bild von dem Ort vermitteln möchte. Aber um ehrlich zu sein, war diese Insel für uns von Anfang an da – sie lag nur in einem Dornröschenschlaf. VB: Ja, das sehe ich auch so. Als wir das Gelände das erste Mal besichtigt haben, war es zu großen Teilen fertig. Das hat nur keiner gesehen. Die meisten haben einfach nur eine Ruine gesehen. Dabei ist das in städtebaulicher Hinsicht eine ganz tolle Struktur, in die wir nur sehr behutsam eingegriffen haben. Das klingt ein wenig so, als wäre ein Großteil Ihrer Arbeit eher die von Archäologen – nur nicht mit dem Pinsel, sondern mit einem Bagger. TW: Ja, ganz richtig: Das ist archäologische Architektur! Das Erste, was wir nach dem Kauf der Schwanenhöfe angeschafft haben, war  jedoch ein Druckluft-Sandstrahler. Wir sind von Gebäude zu Gebäude gegangen und haben den Putz runtergeblasen – da sind echte Überraschungen rausgekommen: tolle Ziegelstrukturen und wunderschöne Industriearchitektur der Jahrhundertwende. VB: Die Schwanenhöfe eignen sich tatsächlich sehr gut für diese Art von Archäologie. Da gibt es Bögen, die sind im Jahr 1895 gemauert worden und stehen heute noch, obwohl das Haus im letzten Jahrhundert 23 Mal umgebaut worden ist. Diese Geschichte wollten wir wieder lesbar machen. Herr Walten, Sie sind ja so etwas wie ein Location-Scout für Revitalisierungs-Projekte. Wie spürt man denn ein geeignetes Areal auf und wie erkennt man dann, ob es nutzbar ist? TW: Die Entdeckung ist purer Zufall, alles Weitere ist Intuition. Volker und ich haben beide einen Sensor für die Ausstrahlung eines Ortes, ebenso wie auch unser gemeinsamer Partner Klaus-Dieter Hölz, der für unsere Finanzierung zuständig ist. Wir waren zum Beispiel neulich zusammen in Dresden und haben uns eine Location angeschaut, die wunderschön restauriert war. Aber während ich da durchlief, kippte langsam meine Stimmung. Das war eigenartig – ich laufe durch wunderschöne Säulengänge und fühle  mich immer bedrückter. Hinterher habe ich dann erfahren, dass hier über Jahrzehnte hinweg das Stasi-Hauptquartier war. Das war, als hätten die Steine eine Aura, ein Feeling, das sich von den Erlebnissen auf die Architektur übertragen hat. Aber dennoch muss man  sagen, dass die kulturkreative Elite, die heute die historische Industriearchitektur bevölkert, nach völlig anderen Maßstäben arbeitet als der Schweißer oder Lagerist im ausgehenden 19. Jahrhundert. Warum funktioniert diese Architektur denn immer noch so gut? VB: In Zeiten, wo professionelles Arbeiten am Laptop stattfinden kann, ist die Infrastruktur des Arbeitsplatzes im Prinzip völlig nebensächlich. Das war zu Beginn des digitalen Zeitalters noch nicht so – da saß man in einem rechtwinkligen Ensemble aus Computer, Drucker und Ablagefläche. Heute suchst du dir eine schöne Ecke und klappst deinen Rechner auf. Es geht also vielmehr um eine kreative Atmosphäre und da haben diese alten Häuser einfach mehr zu erzählen als neue. TW: Vor der Industrialisierung wohnte der Schmied noch über der Schmiede, die Kinder sprangen in der Werkstatt herum und der Großvater betätigte den Blasebalg. Diese Struktur wurde vor 100 Jahren städtebaulich auseinandergezogen, weil die Lebensqualität unter den Abgasen und dem Lärm der Industrie litt. Aber heute kann man die Kultur, die Familie und die Arbeit wieder wunderbar miteinander verbinden. Damit können sich ganz andere Quartiere entwickeln. Die Schwanenhöfe sind so ein Quartier, ein eigener funktionierender Stadtteil mit sehr vielen Facetten.

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„Die Schwanenhöfe sind  ein eigener funktionierender Stadtteil mit sehr vielen Facetten.“

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Da sprechen Sie einen Aspekt an, der durchaus kontrovers diskutiert wird: die Gentrifizierung. Was machen denn die Schwanenhöfe mit Flingern-Süd? VB: Ich habe neulich im „Capital“ gelesen, dass Flingern-Süd stark im Kommen sei, weil in der Nachbarschaft ein großes Gelände mit jungen Arbeitsplätzen und Hochschulen eröffnet habe – das sind wir. Die Empfehlung an Investoren lautete: kaufen. Das ist nicht unsere Absicht gewesen, aber wir können diese Entwicklung auch nicht aufhalten. TW: Ich empfinde die Debatte um die Gentrifizierung als etwas einseitig. Abgesehen von den Investoren, die die Preise nach oben treiben, bringt ein Gelände wie unseres ja auch neue Jobs in ein Viertel. Da entsteht etwas Neues und das ist schließlich gestaltbar. Außerdem muss man sich bewusst machen, dass eine Stadt einfach ein lebendiger Organismus ist: In den 70er Jahren habe ich in New York mit Dance Companies, Gaunern und Jazzmusikern in Soho gelebt, weil wir uns keine anderen Wohnungen leisten konnten. Heute ist diese Gegend unbezahlbar. Gleichzeitig gibt es in den Upper Eighties, die früher unbezahlbar waren, wieder billigere Wohnungen. Ich würde gerne noch mal über den Wert eines alten Gebäudes sprechen. Denn was Sie aufspüren, ist ja genau genommen eine Ruine und dennoch steckt ein unermesslicher Wert darin. Irgendwie scheint der Wertbegriff unserer Gesellschaft hier ins Leere zu greifen. TW: Ja, ich denke auch. Dabei ist es doch so: Wenn man das Alte erhält, hat man meist auch in ökologischer und ökonomischer Hinsicht die beste Lösung gewählt. Das ist wie bei einem Gebrauchtwagen, der seit 40 Jahren fährt. Wenn man im Vergleich dazu alle fünf Jahre einen Neuwagen anschafft, ist die Öko-Bilanz im Keller. Zu den CO2-Kosten, die bei der Herstellung anfallen, kommt dann meist auch noch die kurze Lebensdauer, die viele Neuprodukte haben. VB: Um bei den Autos zu bleiben: Die Wagen der 70er Jahre sind auch mit Abstand die elegantesten, die je gebaut worden sind. Wenn Sie einen Maserati Ghibli fahren, haben Sie ein Auto, das auch in 100 Jahren noch zeitlos ist. Alles, was heute gebaut wird, setzt auf einen Drei-Jahres-Rhythmus – dann gibt es einen Facelift und nach drei weiteren Jahren einen Nachfolger TW: Man muss sich fragen, woran das eigene Glück hängt. Wenn man auf Konsum setzt, braucht man eben ständig etwas Neues, um glücklich zu bleiben. Welche Form des Glücks erlebt man denn, wenn man ein altes Gebäude revitalisiert? TW: Als Bauherr würde ich sagen: Statt neu zu bauen, haben wir Ressourcen genutzt, die lange brachlagen. Wir haben außerdem einen Ort mit einer hohen Lebens- und Arbeitsqualität und darüber hinaus vielen Arbeitsplätzen geschaffen. 1500 Menschen fühlen sich hier wohl. Das ist eine sehr gute Glücksbilanz! VB: Ich schätze mich sehr glücklich, dass wir dieses Projekt  realisieren konnten. Das ist aus der Sicht eines Architekten ein Lottogewinn. Wir hatten hier die große Gelegenheit, mit einem eingespielten Team auf extrem kurzen Dienstwegen zu arbeiten. Wenn man ein Projekt mit einem Fonds im Hintergrund stemmt, braucht man klar definierte Entscheidungswege bis hin zum Aufsichtsrat. Wir hatten den großen Luxus, dass wir niemanden fragen mussten. Da sieht dann auch jeder ganz unmittelbar, was er geschafft hat.

Thomas Walten

Thomas Walten arbeitete bereits in den 1970er Jahren als Gestalter bei Henry Dreyfuss in New York und entwickelte dort die Corporate Identities amerikanischer Weltkonzerne. Heute verbindet er diesen Ansatz mit der Entwicklung CI-relevanter Architektur. Als Grundstücksentwickler war Thomas Walten unter anderem für die Konzeption und Realisierung der Schwanenhöfe, des Vulkans und der Rheinhöfe zuständig. Thomas Walten lebt mit seiner Familie in Köln