Interview

„Über die richtige Decke, den Himmel,
kann man sein ganzes Leben
lang nachdenken“

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Köster
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In einem alten Industriedenkmal mitten in Düsseldorf befindet sich die „Malhöhle“ des Künstlers Matthias Köster. An Decken und Wänden stehen und hängen seine großflächigen Bilder. Sie zeigen Frauenkörper in aufreizenden Posen, Hände, die nach ihnen greifen, erotische Pflanzen, Linien, die Ornamente bilden. Das alles in prallen Farben, mit viel Gelb und Rot. Wir stehen in der Mitte des Raums, über uns ein Bild, das an ein Fresko aus einer Renaissance-Kirche in Italien erinnert. Volker Busse und Köster sind alte Freunde und das Gespräch wandert zwanglos von Formen, Farben und Proportionen zum Zusammenspiel von Malerei und Architektur bis hin zu gemeinsamen Projekten, die mehr als ungewöhnlich sind.

Herr Köster, was ist denn das da oben? MK:Ein Freund hat sich einen klaustrophobischen Himmel für eine Architektur gewünscht, einen Kosmos der Malerei wie bei der Sixtinischen Kapelle. Also habe ich dieses Deckenfresko entworfen. Ein leuchtendes Gewölbe, ein Himmel, mit Öffnungen in nächste Welten. Sie haben Lampen in das Fresko eingearbeitet. Wie sind Sie vorgegangen? MK: Ich habe Szenen auf dünne Aluminiumtafeln gemalt, sie in ein Aquarium getaucht und mit Perspektiven gespielt. Dinge auf den Kopf gestellt. Umgedreht. Experimentiert. Ich habe Lampen aufgestellt, Forsythien- und Kirschblütenzweige und Ringe hineingetaucht, Ölfarbe hineingeträufelt. Schleier entstanden, mehrere Bildebenen, die das Licht schichtweise durchdrungen haben. Mir ging es um eine Architektur und eine barocke, vielleicht auch surreale Idee der Malerei – im Mikrokosmos eines Aquariums. Alles begann über mir zu leuchten. So entstand dieses leuchtende Gewölbe als UV-Druck auf Leinwand, in dem all meine Experimente eingearbeitet sind. Wie sind Sie auf die Idee gekommen? MK: Ich gehe gern in Museen und Kirchen und schaue mir Fresken an, in Rom und Florenz. Durch die Deckengemälde bekommen Räume eine ganz andere Dimension, Qualität und Präsenz. Durch die Malereien entstehen immer Himmel, und es geht in den Kirchen um Licht. Fresken dehnen sich aus wie Mosaike, die man aneinanderreiht und die Geschichten erzählen. So wird das eine raumgreifende Geschichte, die eine architektonische Dimension bekommt. VB: Insofern arbeiten wir an den gleichen Themen. Auch als Architekten fragen wir uns: Wie gehen wir mit Decken um? Wie gestalten wir sie? Was kann man anders machen? In einem Zimmer in unseren Büroräumen in den Schwanenhöfen haben wir beispielsweise eine Deckenmalerei von Matthias angebracht. Ein fantastisches Bild mit Tiefgang und gleichzeitig einer Ornamentik, die in der Oberfläche wirkt und den Raum in einer ganz eigentümlichen Weise beleuchtet. Was zeigt dieses Bild? MK: Ausgangspunkt für das Bild bei Volker, eine leuchtende Ellipse, war der Filmklassiker „La Dolce Vita“ von Federico Fellini. Es gibt diese berühmte Szene, als sich Anita Ekberg und Marcello Mastroianni im Trevi-Brunnen in Rom küssen wollen. Die Szene ist nur die Bühne für das Bild, das wieder ganz eigene Geschichten erzählt. VB: Das Bild fügt sich ganz hervorragend in den Raum ein. Wenn ich es anschaue, bringt mich das auf neue Ideen: ob man nicht auch Hausfassaden ganz anders gestalten kann, sie beispielsweise mit Metallplatten bespannt, auf denen Bilder oder Ornamente gedruckt sind. Früher gab es so etwas sehr häufig und man hat Steinplatten, Figuren, Ornamente und Schriftzüge auf sehr interessante Weise in Fassaden verbaut. MK: Kunst und Architektur: ein großes Thema, das uns als immerwährendes Spannungsfeld seit Jahrhunderten durch alle Epochen begleitet. In der Fassade der Düsseldorfer Kunstakademie sind zum Beispiel die Namen von Malern in Stein gehauen, der Name wird geehrt, ist gleichzeitig bedeutungsloses Ornament. VB: Die Moderne hat aber leider einen Schlussstrich unter all das gezogen. Heute gibt es nur noch platte Fassaden und kaum etwas anderes..

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„Meine Frau und ich wollten einen Ort schaffen, an dem wir ideal wohnen und arbeiten können“

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Eine Ausnahme ist sicher das neue Haus, das Sie, Herr Busse, als Architekt für und mit Herrn Köster gestalten. VB: Das ist ein ganz verrücktes Projekt. Matthias und seine Frau, die auch Künstlerin ist, haben den Entwurf gezeichnet. Meine Kollegen und ich machen die Konstruktion und Technik und halten uns mit unserem Ego zurück. Nur manchmal versuchen wir die beiden zu kitzeln, um noch mehr aus ihren Ideen herauszuholen – oder sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Wo entsteht dieses Haus? MK: In einer Umgegend Düsseldorfs. Zwischen Industriegelände und einem Dorf mit hoher Kirche, die zu Köln gehört, zwischen Klosteranlage und Gewerbehöfen. Offiziell gehört das Grundstück zu Alt-Heerdt. Das klingt nicht nach einem Reihenhaus, das Sie da bauen. Welche Idee liegt dem Projekt zugrunde? MK: Erst wollte ich Schloss Falkenlust in Brühl aus Holz nachbauen. Das hat aber nicht geklappt, weil es zu aufwendig war. Dann haben wir neu überlegt. Meine Frau Kirsten und mich hat immer schon die Burg in der Stadt Poppi bei Florenz begeistert. Oder die Villa Poggio a Caiano, eine Sommerresidenz der Medici. Entdeckt haben wir neulich auch die Villa Arianna in der Nähe von Pompeji, und immer wieder besuchen wir das Geburtshaus des Malers Jacobo da Pontormo, ein typisches Bauernhaus der Toskana. Von all dem haben wir uns inspirieren lassen. Es entstehen jetzt also zwei Ateliers und ein Wohnhaus, die ein Hof umschließt. Alles ist angeordnet wie bei einem typischen Landhaus. In der Mitte könnte sogar noch eine Fischzucht entstehen. Später. VB: Es erinnert an ein römisches Atriumhaus, das in seiner Mitte einen zum Himmel geöffneten Raum hat. MK: Auch die wunderbare Ordnung und Selbstverständlichkeit der Ställe und Wohnteile des Bauernhauses meiner Großeltern in Hessen hat mich inspiriert. Seit zwei Jahren denke ich nun ständig über Materialien, Proportionen und Formen nach. Als ob ich ein Bild malen würde. Die Arbeit hat sich verändert. Am Ende sagt Volker meist, es sei ganz unökonomisch und nicht realisierbar, was ich mir vorstelle. VB: Natürlich. In der Malerei bist du frei. Wenn dir das Bild am Ende nicht gefällt, kannst du es wegschmeißen und wieder von vorn anfangen. Aber beim Bauen triffst du auf das echte Leben. Du musst Realitäten anerkennen, auch Kosten – und natürlich die DIN, die Deutsche Industrie-Norm. Wenn du davon abweichst, explodieren die Kosten. Der Architekt ist ein Realist, der den Maler auf den Boden der Tatsachen holt? VB: Total. Aber wir lernen auch viel voneinander. Es ist ein ständiges Wechselspiel von dem, was machbar ist, und dem, was als Idee oder Utopie immer neu entsteht. Das macht es so interessant. MK: Manchmal lassen sich auch verrückte Ideen verwirklichen. Etwa bei den Steinen, mit denen wir jetzt mauern. Volker rief eines Tages an und meinte, in Westfalen wolle jemand für wenig Geld eine alte Scheune verkaufen. VB: Mit schönem alten Bruchstein MK: Ich bin hingefahren, habe sie mir die Scheune angesehen und sie gekauft. Die Bruchsteine, ein Tor und ein Bogen werden gerade auf unseren Hof geliefert. Wir können wieder einen Bogen mauern. Die Hälfte ist schon da. Ende des Jahres wollen wir mit allem fertig sein. VB: Es wird ein völlig anderes Haus sein, als ich es als Architekt je gemacht habe. Wirklich spektakulär, der komplette Wahnsinn. MK: Meine Frau und ich wollten einen Ort schaffen, an dem wir ideal wohnen und arbeiten können, aus den Funktionen und Notwendigkeiten für uns als Maler: zweier Künstler miteinander. Für ein Künstlerpaar. VB: Die Funktionen, die ihr euch vorstellt, unterscheiden sich nur sehr von dem, was normale Menschen  sich wünschen. Das macht es so ungewöhnlich.

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Können Sie manche Ideen mit ins Portfolio nehmen und eventuell später realisieren? Busse: In ein Portfolio von Dingen, wie man sie eigentlich nie machen würde. Matthias Köster geht zu einem Couchtisch, der nicht weit vom Deckenfresko entfernt steht, und holt ein Buch über den italienischen Architekten und Designer Carlo Mollino (1905 – 1973). MK: Kennt ihr den? (Er zeigt auf das Buch.) Carlo Mollino. Eine Möglichkeit für Architektur. VB: Der ist ja verrückt. MK: Vielleicht. Er kam jedenfalls aus gutem Hause und war ein passionierter Sportflieger. Er flog Loopings, malte Linien in die Luft, die er später nachzeichnete. Nach den Skizzen entwarf er Möbel. Er zeichnete Motoren und hat dann Autos konstruiert und die Seilbahn, die von italienischer Seite in Breuil zum Theodulpass nahe dem Matterhorn führt. Vor kurzem war ich in einem Tanzsaal in Turin, den Mollino entworfen hat. Seine Ideen zu einem gekachelten Tanzsaal sind so gut, wir übernehmen das für unser neues Bad. Und dann ist da noch die Frage, wie wir den Fußboden und die Decke machen. Eine Frage für das Leben. Herr Busse, fehlt es Architekten heute an Mut, um solch ungewöhnliche Ideen umzusetzen? VB: Auf jeden Fall. Das meiste ist mausgrau und durchnormiert. Von vornherein ist klar, wie hoch eine Decke, wie groß ein Fenstersims und eine Tür zu sein hat. Planungsphasen sind kurz, es wird nach Katalog gebaut. Schade eigentlich, weil man sich seiner Möglichkeiten beraubt. Letztens war ein Stadtplaner bei uns im Büro und hat gefragt, warum alle die Schwanenhöfe so toll finden, die wir restauriert haben. Und? VB: Wir haben die originalen Materialien, Formen und Proportionen von 1898 möglichst beibehalten. Die Leute sind begeistert, weil es echtes, ehrliches Material ist. Es vermittelt eine Ruhe und Selbstverständlichkeit. Ich wünschte, es gäbe mehr davon: Häuser, die Raum für Fantasie und Individualität bieten. Die beiden schauen sich im Atelier um. Matthias Köster wird es aufgeben, wenn sein Haus in Alt-Heerdt fertig ist. In einem Nebenraum stapeln sich die Werke befreundeter Künstler, darunter viele Schenkungen. Er ist hin- und hergerissen. „Eigentlich will ich alles hier mitnehmen und gleichzeitig nur den Schlüssel umdrehen, in den Rhein schmeißen und auf der anderen Seite neu anfangen.“ Dann steht da noch ein Flügel, den er in jedem Fall mitnehmen will. Im Moment ist an Klavierspielen nicht zu denken. „Unser Projekt dauert nun schon so lange“, sagt der Maler. Nach dem Hausbau und Umzug freut er sich auf einen Neustart.

_MG_3276_dxoMatthias Köster wurde 1961 in Detmold geboten. Er lebt und arbeitet in Düsseldorf und Empoli, Italien. Seine Werke wurden in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen unter anderem in Chile, Schanghai und Moskau gezeigt. Um Momente in ihrer Flüchtigkeit festzuhalten, bedient er sich einer besonderen Maltechnik: alla prima, in einem Zug, bringt er Ölfarben auf einen Bildträger aus Aluminium auf und arbeitet mit Lichtern, unterschiedlichen Motiven, die sich überlagen. In seinen Bildern verschwimmen die Grenzen von Fiktion und Wirklichkeit.