Interview

„Meine Kunst
schlägt in eine Kerbe“

Adrian Schoormans
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Das Atelier von Adrian Schoormans liegt in einem Hinterhof, den der Künstler gemeinschaftlich mit einem Weindepot nutzt. Die sauber gestapelten Kisten mit teurem Rotwein bilden einen Gegenpol zu dem Durcheinander aus Drähten, Platinen, Gips und Knochen, das Adrian für seine Arbeiten sammelt. Wir nehmen inmitten eines Kabinetts aus Figuren Platz, die unser Gespräch von ihren Sockeln aus aufmerksam verfolgen. Kein Wunder, dass es sofort um Themen wie die Lebendigkeit der Kunst und die Vergänglichkeit des Lebens geht.

Adrian, Ihre Mission beschreiben Sie ganz lapidar mit dem Satz: „Born to do art and dissolve into particles.“ Mit dem ersten Teil der Aufgabe sind Sie ja schon ganz erfolgreich. Aufgelöst haben Sie sich zum Glück noch nicht, sonst könnten wir dieses Gespräch nicht führen. AS: (lacht): Ja, aber ich bin dennoch ständig in Bewegung. Nehmen Sie meinen Körper: Eigentlich ist dieser Körper nicht mehr derselbe wie der vor fünf Minuten. In dieser Zeit sind massenhaft Zellen gestorben und neue entstanden. Man hat als Kunstliebhaber ja immer diese schöne Illusion, dass die Kunst unsterblich macht. Aber Ihre Arbeit scheint dem zu widersprechen. AS: Das Interessante an der Kunst ist, dass sie etwas Stetiges darstellt. Während sich mein Körper mit der Zeit verändert, bleiben die Kunstwerke, die ich mit diesem Körper hergestellt habe, in der Zeit stehen. Es sind eingefangene Momente, die man sich wie unter einer Vitrine ansehen kann. Das mag sein, aber dennoch arbeiten Sie ja vor allem mit vergänglichen Materialien. Nehmen wir mal dieses Laptop, das hier steht. Es sieht aus, als wäre es aus gepresstem Mais … AS: Ja, das ist richtig. Allerdings wird der Mais  in Harz gegossen und wieder kaschiert, damit er beständig wird. Es geht mir in Arbeiten wie diesen um die Nutzbarmachung der Natur durch den Menschen. Dafür gab es eine biographische Initialzündung: Mein Onkel nahm mich als Junge mit in die USA und zeigte mir Felder, die so weit reichten wie der Horizont. Kein Baum, keine Wiesen, nur Monokultur. Man kennt ja komponierte Landschaften aus der Kunstgeschichte, eine Suggestion des Natürlichen – hier war aber in der landwirtschaftlichen Realität eine artifizielle Natur entstanden. Meine Idee war es, das dann wieder zurück in die Kunst zu spielen und durch diese Kontextverschiebung auf Nahrungsmittel direkt und indirekt auf unser Verhältnis zur Natur aufmerksam zu machen. Eine Ihrer bekanntesten Arbeiten, Body Incoming, zeigt Ihr eigenes Skelett, das Sie mit Hilfe generativer Fertigungsverfahren aus einer Tomographie erstellt haben. Was ist das eigentlich für ein Gefühl, zuzusehen, wie das eigene Skelett von einem 3-D-Drucker in die Welt gespuckt wird? AS: Die erste Begegnung war schon sehr merkwürdig. Als ich das Skelett das erste Mal ausgepackt und den Schädel auf das Kissen gelegt habe, hatte ich schon eine Gänsehaut und dachte: Ja, so wird es dann später einmal sein. Andererseits wird mich dieses Projekt überleben. Die Installation wird durch ein Video-Bild von mir ergänzt, das ich immer kurz vor der Ausstellung aufnehme. Wenn ich mir den Katalog aus dem Jahr 2000 ansehe, zeigt mir dieses Bild, dass ich gealtert bin. Aber das Skelett, ist eingefroren in den Zustand von damals. In der Kunstgeschichte fungiert das Skelett für gewöhnlich als Vanitas-Symbol. Das heißt, wir können als Betrachter fast gar nicht anders, als es als Zeichen für unsere eigene Vergänglichkeit zu lesen. Wie ist das mit Body Incoming? AS: Ich habe versucht, das Skelett als Symbol des Endlichen zu entwerten, die Arbeit sollte für Lebendiges stehen. Natürlich war das nur eine singuläre Aktion – ich habe nach diesem Symbol gegriffen, aber das bleibt nur eine Geste. MW: Das passt aber nicht zu deiner körperlichen Reaktion, die du gerade beschrieben hast. Das war ja schon eine Todeserfahrung. AS: Ja, der Körper funktioniert teilweise sehr archaisch. Ich denke mir das zwar aus und konzipiere einen neuen Rahmen für dieses Symbol, aber mein Körper reagiert anders. Wer das erste Mal ein Röntgenbild von sich sieht, kann diesen Schauer ja ein wenig nachvollziehen. Mit der Computer-Tomographie haben Sie hier ein neues bildgebendes Verfahren genutzt, das im Übrigen ja heute zunehmend praktische Realität wird. Hat Sie Ihre eigene Hellsichtigkeit da überrascht? AS: Nein, eigentlich nicht, denn ich beobachte diese Trends immer sehr aufmerksam. Das Gleiche gilt ja auch für den 3-D-Drucker. Ich erinnere mich noch, dass ich im Jahr 1996 einen Bericht vom MIT in Boston gelesen habe in dem es darum ging, dass die Menschen im Jahr 2006 zu Hause einen Drucker haben würden, mit dem sie sich selbst ihr eigenes Essgeschirr würden ausdrucken können. Ich habe dann ein Institut an der RWTH in Aachen ausfindig gemacht, das dieses Verfahren des Rapid Prototyping in Deutschland anboten. Allerdings belief sich der Kostenvoranschlag auf 84.000 DM – die eine Hälfte dieses Geldes habe ich über Spenden abdecken können, die andere musste ich selbst tragen.

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„Ich habe versucht, das Skelett als Symbol des Endlichen zu entwerten, die Arbeit sollte für Lebendiges stehen.“

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Volker Busse und Martin Welp, was fasziniert Sie denn als Sammler an der Kunst von Adrian Schoormans? VB: Ich muss sagen, dass ich deine Arbeiten lange nicht richtig einordnen konnte. In den 80er Jahren hat sich die Kunst ja sehr stark von der Darstellung abgewandt – Künstler wie Imi Knöbel oder Blinky Palermo haben die Kunst auf ihre minimalsten Mittel reduziert. Schluss mit Malen, es ging nur noch um die Struktur der Leinwand und der Farben. Zu dieser Zeit wären deine Arbeiten womöglich gar nicht als Kunst durchgegangen. AS: Ich erinnere mich noch, als ich dir meine Bilder das erste Mal gezeigt habe. Du sagtest, dass ich entrückt wäre. VB: (lacht): Das war sicher als Kompliment gemeint. Ich habe dich ja zuerst als Mensch kennen gelernt und dann erst deine Bilder. Da brauchte ich noch ein wenig Zeit. Heute weiß ich, dass die Sachen fantastisch sind, aber man muss sich damit beschäftigen.Im ersten Moment lehnt man diese Kunst ab. Das hat Sie offenbar nicht davon abgehalten, einige von Adrians Arbeiten in Ihrem Büro in der Erkrather Straße auszustellen. VB: Ja, das stimmt. Wir haben zum Beispiel im Eingangsbereich unseres Büros eine seiner Figuren stehen und ich erlebe immer wieder, wie die Besucher stehen bleiben und ihnen erst mal nichts einfällt. Das ist eben keine Kunst, wo man einfach nur sagen kann: „Das ist schön“ und ist fertig. Stattdessen löst das eine Diskussion aus. In sozialer Hinsicht ist das super, denn man hat etwas, über das man ins Gespräch kommen kann. AS: Ich erlebe auf meine Arbeiten tatsächlich auch oft Ablehnung meiner Arbeiten. Aber eigentlich sind diese Momente der Irritation schon intendiert: Meine Kunst soll in eine Kerbe schlagen. VB. Das ist natürlich ein Problem, wenn du Sammler ansprechen willst. Privatleute scheiden da schon mal aus, weil die sich keine Totenschädel in die Wohnung hängen. Ich habe ja eine Figur von dir zu Hause und habe mich inzwischen an die Diskussionen gewöhnt. MW: Ich habe auch eine Figur von Adrian zu Hause stehen und finde es eigentlich sehr gut, mich selbst immer wieder damit zu konfrontieren. Aber der erste Grund, warum ich sie da stehen habe ist natürlich, weil sie mir in ästhetischer Hinsicht gefällt. Adrian, Sie sind ja mit Phase 5 auch immer wieder über aktuelle Projekte im Gespräch. Was rät denn der Künstler den Architekten? AS: Ach ich denke die wissen selber schon sehr gut, was sie tun. Aber vielleicht hält die Nähe des Künstlers die Gedanken wach. Im Übrigen sehe ich zwischen unserer Arbeit viele Parallelen. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Entwurf für den Hamburger Hafen – da habt ihr auch ein Stahlskelett aus Rampen in den Vordergrund gestellt, das war toll. Das wirkte richtig organisch. Und als ich letztes Jahr die Schwanenhöfe besucht habe, hatte ich den Eindruck, dass hier eine Art sozialer Organismus entstanden ist. VB: Dass Gebäude eigentlich Körper sind, finde ich eine wichtige Bemerkung. Wir haben bei den Schwanenhöfen einige Ziegelwände einfach mit der Säge ausgedünnt, um mehr Licht zu bekommen. Das war eine Arbeit wie an einer Skulptur und da war Adrian ein wichtiges Gegenüber. MW: Aber auch der Umgang mit Strukturen ist für uns ein wichtiges Thema. Adrian arbeitet oft mit aufgelösten Oberflächen, bei denen verschiedene Strukturen ineinander übergehen. Wenn es für uns darum geht, eine Halle mit der Umwelt zu verschmelzen, ist das eine sehr gute Studie für uns. Wie steht es denn mit dem Verhältnis von Architektur und Kunst? Le Corbusier hat mal gesagt, dass in einem schönen Gebäude die Kunst anwesend ist. Aber trotzdem müssen ja auch die Menschen dort ihren Platz finden … VB: Das war aus meiner Sicht der größte Fehler der Architektur des letzten Jahrhunderts. Oder zumindest sehe ich mich als Architekt nicht so, dass ich meine eigenen Entwürfe abfeiere und kein Interesse daran habe, wer später in dem Gebäude wohnt. AS: Dabei kann ein Gebäude als Körper im Stadtraum auch eine unglaubliche soziale Wirkung haben. Ich denke an die Biblioteca España in Kolumbien, die in einem Viertel erbaut wurde, das zu den gefährlichsten Orten in Lateinamerikas zählte. Als das Bauwerk fertig war, begannen die Menschen dort plötzlich, ihre Vorgärten zu dekorieren. VB: Ja, inzwischen gibt es durchaus wieder Strömungen in der Architektur, die sich für das Archaische im Bauen einsetzen und dabei im Übrigen auch den Menschen wieder entdecken: Eine Straße ist eine Ansammlung von Häusern, die Familien errichten ließen und keine Struktur, die rein ökonomischen Interessen gehorcht. Ich denke, wir sollten Häuser bauen, die dem Menschen dienen und nicht der Finanzwelt.

Adrian Schoormans

Adrian Schoormans wurde 1962 in Kerkrade / NL geboren. Er lebt und arbeitet in Düsseldorf. Seine Arbeiten , die in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt wurden, beschäftigen sich mit dem Natürlichen und dessen Manipulation. Dabei entstehen unter anderem Skulpturen, die den Betrachter mit seiner eigenen Vergänglichkeit konfrontieren. Die Ideen für seine Arbeiten entwickelt Schoormans häufig aus der intensiven, konzeptionellen Auseinandersetzung mit den Medien, vor allem mit dem Internet.